Navigation anzeigen
  • Seite drucken
  • Lage & Anfahrt
  • Facebook
  • Youtube

Unsere Stadt

Aktuelles & Service

Stadtnachrichten 2012

Quo Vadis, Schramberg? Ein Vortrag von Stadtarchivar Carsten Kohlmann am 22. Mai in der Mediathek


Schramberger Zentralitätsverlust: Trauma seit zweihundert Jahren

Die Parole „Raus aus dem Kreis“  vom vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Krankenhausschließung  ist noch gut im Gedächtnis, auch  die Kritik an der „Neckarschiene, die unser Krankenhaus kaputt gemacht hat“. Beides war nicht neu, wie Stadtarchivar Carsten Kohlmann in seinem Vortrag “Quo vadis Schramberg“  am Dienstagabend in der Mediathek überzeugend belegen konnte. Anlass war der 40. Geburtstag der „großen Kreisstadt“ Schramberg.
Kohlmann erinnerte an den langjährigen Einsatz von Bürgermeister Konstantinh Hank, der dieses Ziel 1972 nach der Eingemeindung Waldmössingens  erreicht hatte.
Seit  Beginn des 19. Jahrhunderts habe Schramberg das „Problem der zentralörtlichen Bedeutung“ gehabt und sich immer wieder darum bemüht, mehr Gewicht zu bekommen. Dabei sei  „Schramberg häufiger auf der Verlierer- als auf der Gewinnerseite“ gelandet.

Zu Napoleons Zeiten war die Herrschaft Schramberg ans Königreich Württemberg gegangen und verlor seinen Rang als Verwaltungsmittelpunkt für die umliegenden Dörfer. Zunächst ging das Oberamt nach Hornberg und St. Georgen, wenige Jahre Später zum Leidwesen der Schramberger nach Oberndorf. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch schrieb man Eingaben und Anträge, doch wieder Oberamtsort zu werden, oder wenigstens  anders zugeordnet zu werden. Die Grenzlage  zwischen Baden und Württemberg verschlimmerte die wirtschaftliche Situation der Stadt. In der 1848er Revolution setzen sich die Schramberger für die Überwindung der Landesgrenzen besonders stark ein – und waren damit Vorkämpfer für  das heutige Baden-Württemberg.

Auch beim Bau der Schwarzwald-Bahn  um 1876 hatten sich die Schramberger mit  etlichen Gemeinden des Kinzigtals für die einfachere und kostengünstigere Trasse über Schramberg stark gemacht, die aber bekanntlich daran scheiterte, dass das Großherzogtum Baden die  Bahnlinie ausschließlich auf badischem Gebiet bauen wollte. Als  Ersatz gab es dann die Stichbahn von Schiltach her. Aus diesem Kampf entwickelte sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Schramberger mit den Kinzig- und Gutachtal-Gemeinden. Mit den badischen Nachbarn fühlten sich die Schramberger stärker verbunden als mit den Württembergern im Neckartal. So fand jahrzehntelang ein Städtetag in Schiltach statt, zu dem sich Bürger aus Schramberg, Hornberg, Schiltach, Wolfach und Hausach trafen.

In der Weimarer Republik bemühte sich der Schramberger Bürgermeister Eugen Ritter im Rahmen der geplanten Reichsreform für eine Aufhebung der alten Grenzen und die Bildung eines Südweststaates.  Auf regionaler Ebene strebte er weg vom Oberamt Oberndorf und wollte mit der Uhrenstadt Schwenningen in einem Oberamt, nämlich Rottweil vereint sein. Dagegen gab es aus Oberndorf freilich heftigen Widerstand. „Ein andauernder Kleinkrieg“, so Kohlmann, entwickelte sich in der Folgezeit zwischen Oberndorf und Schramberg.

Während der NS-Diktatur – ausgerechnet – bekam Schramberg  mehr Zentralität, denn hier in der Villa Junghans hatte die NSDAP mit Otto Arnold aus Lauterbach an der Spitze ihre Kreisleitung installiert und nicht in der Oberamtsstadt Oberndorf. Das endete mit der NS-Kreisreform 1937, als der Kreis Rottweil  gebildet wurde und das Oberamt Oberndorf aufgelöst wurde. Der Schramberger Bürgermeister Fritz Arnold, ein Bruder des NSDAP-Kreisleiters, strebte nach der „Expansion im Osten“ und einem „Gross-Schramberg mit Aichhalden, Sulgen, Sulgau und Lauterbach.“ In Aichhalden war der Widerstand groß, in Lauterbach war man unentschieden und so kam 1939 lediglich Sulgen zu Schramberg.
Mit der Gründung des Südweststaates 1952 verbanden die Schramberger wieder Hoffnungen, dass die alten Grenzprobleme gelöst würden. Ideen von einem Kreis Schiltach oder einem Kinzigtalkreis kamen auf. Im Kreis Rottweil gab es schon damals erhebliche Spannungen wegen der Krankenhäuser. Oberndorf und Schramberg wollen keine Sonderumlagen für das Kreiskrankenhaus zahlen. Doch die Kreistagsmehrheit bestimmte, dass auch die beiden Städte mit städtischen Krankenhäusern zahlen müssten. Ein Tagblattredakteur aus Schramberg schrieb von „unüberbrückbaren Gegensätzen“ zwischen den Neckartalgemeinden und dem „Schwarzwald-Anhängsel“. Die Natur lasse sich nicht vergewaltigen. Nahezu 70 Prozent der Schramberger sprachen sich in einer Umfrage für einen Kinzigtalkreis aus.

In der Kreis- und Gebietsreform der großen Koalition Ende der 60er Jahre war zunächst das Ziel die Bildung von 25 Großkreisen. Der Kreis Rottweil wäre in einem Großkreis Villingen-Schwenningen aufgegangen – ganz nach dem Geschmack der Schramberger. Doch die CDU- Landtagsfraktion setzte sich durch, es wurden 34 Kreise gebildet, Rottweil blieb erhalten, bekam Schiltach und Schenkenzell aus dem ehemaligen Kreis Wolfach dazu. Gegen den erbitterten Widerstand der Tennenbronner wurde auch Tennenbronn dem Kreis zugeschlagen.

Auf Gemeindeebene versuchte Schramberg mit den Umlandgemeinden Eingemeindungsverhandlungen. Lediglich mit Waldmössingen gelang dies. In Aichhalden gab es erbitterten Widerstand, auch Lauterbach sträubte sich, und so gründete man lediglich eine Verwaltungsgemeinschaft, in der Schramberg einige Aufgaben übernahm.

Kohlmanns Fazit: Die raumpolitischen Bedingungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnen für Schramberg zwar verbessert. Dennoch scheine es nicht zu gelingen, zwei unterschiedliche Natur- und Kulturräume zusammenzubringen. „Es hat sich bis heute keine Kreisidentität herausgebildet.“ Der Verkauf des Krankenhauses an Helios habe die Spaltung wieder aufgebrochen, ja das Thema Ausstieg aus dem Kreis sei erneut erwogen worden. Dank der freiwilligen Eingemeindung Tennenbronns 2006 habe Schramberg erheblich an Gewicht gewonnen. Kohlmann appellierte an die Gemeinden in der Raumschaft, sich wieder mehr auf ihre Gemeinsamkeiten zu besinnen.
In der Diskussion  bemerkte Kreisarchivar Bernhard Rüth, dass das Schramberger Zentralitätsdefizit „teilweise auch hausgemacht“ sei. So habe sich Schramberg zu lange auf die „Monokultur Uhrenindustrie“ verlassen. Schramberg habe nicht die Zentralität gewonnen, die einer großen Kreisstadt zukomme. Museumsleiterin Gisela Lixfeld erinnerte auch an die konfessionellen Unterschiede und fragte, ob das überwiegend katholische Schramberg  sich nicht auch deshalb eher zum katholischen Baden als zum  protestantischen Württemberg hingezogen gefühlt habe.

Der Vorsitzende des Museums- und Geschichtsvereins Martin Maurer bedankte sich für das aufschlussreiche Referat.

Bericht: Martin Himmelheber

Stadtarchivar Carsten Kohlmann bei seinem Vortrag am 22.05.2012 in der Mediathek
Wohin geht der Weg?  Carsten Kohlmann bei seinem Referat über Schramberg bis 1972.
Foto: Stadtverwaltung Schramberg / Achim Ringwald

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass unsere Dienste Cookies verwenden. Mehr erfahren OK