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Unsere Stadt

Die Stadt

Rathausbau 1907-1913

von Stadtarchivar Franz Fehrenbacher

Erstmals stand am 11.4.1907 die Frage des Rathausneubaues auf der Tagesordnung des Gemeinderates. Es sollte zunächst über den Standort diskutiert werden. In der Bevölkerung war diese Frage längst schon erörtert worden. Die Mehrheit hatte sich für den alten Standort (Platz des bisherigen Rathauses und Zukauf der danebengestandenen Gewerbebank) ausgesprochen. Schultheiß Harrer schlug dem Gemeinderat vor, eine Bürgerversammlung einzuberufen. Um dabei diese Fragen sachlich und fachlich erörtern zu können, schlug er vor, den Städtebautechniker, Prof. Fischer, Stuttgart, dazu einzuladen. Harrer selbst plädierte für den Leibbrandplatz, weil dort die Gemeinde auf stadteigenem Grund am billigsten bauen könne (die Stadt hatte hier von Färber Wolber ein Grundstück zwischen Uhland- und Leibbrandstraße erworben). Harrer konnte sich jedoch auch einen Platz in der Stadtmitte denken, wodurch dann möglicherweise beide Flügel, Bewohner in der Südstadt, Bewohner in der Nordstadt, befriedigt werden könnten. Harrer dachte dabei an das Anwesen der Witwe Hils, das Haus Ecke Haupt- und Oberndorfer Straße. Aber auch das Junghans’sche Casino und der alte Poststall waren im Gespräch. Doch aufgrund verschiedener Gegebenheiten reduzierte sich das Grundstücksangebot schon bald auf drei Möglichkeiten: alter Standort, Leibbrandplatz, Hils’sches Anwesen. Stadtschultheiß Harrer hatte erfahren, dass die Witwe Hils ihr Haus um 90 000 Mark an die Stadt verkaufen würde. Im Falle des Ankaufs des Hils’schen Anwesens musste dann aber auch das angebaute Gebäude des Konstantin Schübel erworben werden. Darüber hinaus wären bei diesem Entscheid noch Ablösungen zu zahlen an Frau Langenbacher (Wohnrecht) an Josephine Hils (Gartennutzung) und an Mohrenwirt Wilhelm Grüner (Baubeschränkung).

Aus den Reihen des Gemeinderats wurde nun auch die 1906 erbaute Gewerbebank ins Gespräch gebracht. Allenthalben war unüberhörbar, dass der Gemeinderat vor einer allzuhohen Verschuldung zurückschreckte. Während die Mehrzahl der Stadtväter eher einer Verzögerung dieses Bauvorhabens das Wort redeten, drängte Ortvorsteher Harrer auf raschen Entscheid, wohl wissend, dass noch drängendere Probleme anstanden, Gaswerkbau, Schulbauten, Straßenbau, Friedhofsanlage u. a. m.

Die am 6. Mai 1907 einberufene Bürgerversammlung war sehr gut besucht. Stadtschultheiß Harrer verlas ein Gutachten von Prof. Weyrauch von der TH Karlsruhe, sowie eines von Prof. Fischer, Stuttgart. Beide sprachen sich gegen den alten Standort, eher für den Leibbrandplatz oder auch für einen Platz in der Stadtmitte aus.

Während der Gemeinderat in seiner Sitzung am 17.5.1907 noch leidenschaftlich über die verschiedenen Standorte diskutierte, hatte Ortsvorsteher Harrer inzwischen nachhaltig mit Frau Hils verhandelt und erreicht, dass sie ihr Haus um 70 000 Mark abgeben und von diesem Erlös noch 10 000 Mark als Spende für den Rathausbau an die Stadt abtreten würde. Dieses Angebot imponierte nun auch dem Gemeinderat und er beschloss noch am 7.5.1907, das Hils’sche Anwesen zu erwerben. Auch Konstantin Schübel war zum Verkauf bereit. Seine Forderung betrug 25 000 Mark, wovon er 1 000 Mark als Bauspende an die Stadt abtreten wollte.

Die Bürgerlichen Kollegien setzten sich seinerzeits zusammen:

Der Gemeinderat:

  • Stadtschultheiß
  • E. Harrer
  • J. Fehrenbacher
  • H. Haas
  • C. Sohmer
  • Fr. Wagner
  • C. Schaub
  • N. Schinle
  • E. Junghans

Bürgerausschuss:

  • Obmann J. Haas
  • V. Luschka
  • P. Schraivogel
  • J. Schinle
  • Fr. Würz
  • J. Brucker
  • A. Stange
  • O. Kurfess
  • J. Roth
  • Frid. Schinle

Eine verwaltungsinterne Erhebung hatte als Kosten für die jeweiligen Standorte folgende Summen errechnet:

  • Haasvilla 285 000 Mark
  • Hils/Schübel 375 000 Mark
  • Leibbrandplatz 294 000 Mark
  • Casinoplatz 385 000 Mark
  • alter Standort 298 000 Mark

Noch am 7.5.1907 wurden die Kaufverträge mit Witwe Hils und Konstantin Schübel ausgefertigt. Ihr Inkrafttreten hing aber vorerst noch von mehreren Vorbehalten ab, und die Ausräumung dieser Vorbehalte (Ablösungen) machte erhebliche Schwierigkeiten. Hils und Langenbacher verlangten je 10 000 Mark Ablösung, das war den Stadtvätern zu viel. Die Kaufverträge konnten nicht in Kraft treten. Erneut wurde die Platzfrage wieder aufgerollt, vor allem der von Prof. Weyrauch favorisierte Leibbrandplatz. Solange von den Wohnrechtberechtigten keine besseren Angebote gemacht würden, wollte der Gemeinderat eine Auflassung der mit Hils und Schübel abgeschlossenen Verträgen nicht näher treten. Doch Hils und Langenbacher blieben vorerst bei ihren Forderungen.

Am 24.11.1910 bot Fabrikant Carl Haas die Hermann- Haas’sche Villa mit Gartengrundstück als neuen Rathausstandort um 80 000 Mark an. Doch der Gemeinderat trat diesem Angebot aus verschiedenen Gründen nicht näher, dagegen erhielt der Leibbrandplatz wieder mehr Befürworte. In einer Abstimmung bei den Bürgerlichen Kollegien erhielt dieser im Gemeinderat mit 8 : 4, im Bürgerausschuss mit 5 : 4, jeweils eine knappe Mehrheit. Der Gemeinderat erwog daraufhin von den abgeschlossenen Verträgen mit Hils und Schübel wieder zurückzutreten. Mehrere hundert Bürger erhoben in einer Eingabe an den Gemeinderat Einspruch gegen einen solchen Schritt. Frau Hils drohte der Stadt mit einer Klage vor Gericht, wenn diese von den Verträgen zurücktreten würde. Die Klage wurde von der Zivilkammer beim Landgericht Rottweil kostenpflichtig abgewiesen.

Am 19. 6.1911 forderte ein Kommitee namens 1.200 Bürger, vornehmlich Bewohner der Nordstadt, darunter 500 Hausbesitzer, die Platzfrage erneut zu beraten, nachdem nun Hils und Langenbacher nicht mehr auf ihren hohen Forderungen bestünden und auch Mohrenwirt Grüner seinen Anspruch verringert habe.

Die Bürgerlichen Kollegien stimmten wieder ab, im Gemeinderat mit 6 : 5, im Bürgerausschuss mit 7 : 5, für Wiedereintritt in die Verträge. Am 26.6.1911 kam es schließlich zum endgültigen Abschluss der Kaufverträge mit Witwe Hils und Konstantin Schübel. Der Gemeinderat stimmte mit 5 : 1 dafür, der Bürgerausschuss war unentschieden mit 4 : 4. Damit war, nach Jahren leidenschaftlich geführter Diskussion, die Platzfrage endgültig entschieden.

Am 29.11.1911 wurde eine Baukommission ins Leben gerufen, die folgende Beschlüsse fasste:

  • Das neue Rathaus wird auf dem Hils’schen Grundstück gebaut
  • es wird ein Wettbewerb unter vier Firmen ausgeschrieben, und zwar Schmohl & Stachelin, Biehl & Woltz, Regierungsbaumeister Dollinger, Architekt Rudolf Schweizer


An Preisen sollten ausgesetzt werden:

  • 1. Preis 800 Mark
  • 2. Preis 600 Mark
  • 3. Preis 400 Mark

Das Preisgericht sollte sich zusammensetzen aus:

  • Prof. Bonatz, TH Stuttgart
  • Prof. Bolling, TH Karlsruhe
  • Stadtschultheiß Paradeis
  • Gemeinderäte Schaub und Linkenheil
  • Bürgerausschussmitglieder Würz und Stadtbaumeister Schwarz

Am 30.01.1912 fand die Besichtigung der Wettbewerbsentwürfe durch den Gemeinderat statt. Dieser entschied sich für den Entwurf „Biehl/Woltz“ aus Stuttgart. Der zweite Preis wurde Regierungsbaumeister Dollinger zuerkannt. Bildhauer Schaub wurde beauftragt, unverzüglich ein Gipsmodell des preisgekrönten Entwurfs anzufertigen.

Am 1. März 1912 wurde von den Bürgerlichen Kollegien der Baubeschluss gefasst, im Gemeinderat mit 9 : 1, im Bürgerausschuss einstimmig. Mit der Bauleitung wurde Stadtbaumeister Schwarz beauftragt. Der Abriss der Gebäude Nr. 145 und 146 (Hils und Schübel) wurde an Johann Müßigmann aus Peterzell, Math. Fader, Sulgen und Fr. Kopp, Römlingsdorf um 875 Mark vergeben.

Bereits am 18. April 1912 legte das Stadtbauamt erste Pläne und Baukostenrechnungen vor, nach denen das Rathaus selbst 240 000 Mark, mit Nebenkosten (55 000 Mark) auf rund 300 000 Mark zu stehen kommen würde, dazu die Grunderwerbskosten mit 84 000 Mark = 390 000 Mark. Diese Kosten sollten finanziert werden:

  • aus Mitteln des Rathausbaufonds (120 000 Mark)
  • eine Kreditaufnahme bei der Württ. Sparkasse Stuttgart (270 000 Mark).

Am 9. Mai 1912 wurden die Grab-, Betonier- und Maurerarbeiten an Baumeister Ludwig Storz vergeben, wobei festgelegt war, dass für das Mauerwerk gelblicher Maulbronner Sandstein, für den Sockel Schwarzwälder Granit zu verwenden wären. (Dieser Maulbronner Sandstein wurde auch beim Bau des Hauses der Ersten Ständekammer in Stuttgart, bei den Hoftheatern in Stuttgart und dem neuen Generaldirektionsgebäude der Staatseisenbahn, verwendet). Auch die Dachdeckung mit altfarbenen Ziegeln sollte von der Firma Storz übernommen werden.

Die Vergabe der Eisenbetonarbeiten ging an die Firma Faulhaber, Rottweil. Die Flaschnerarbeiten führten die Schramberger Firmen K. Schinle, J. Füchter, R. Dierberger, Fr. Buchholz und G. Buchholz aus. Es sollte überwiegend mit Kupfer gearbeitet werden. Die Heizungsanlage wurde an eine Stuttgarter Firma übertragen, desgleichen auch die Installation der Wasserkläranlage und Spülaborte. Die Gipserarbeiten, feinsten Kunststeinputz, waren eine Meisterleistung der einheimischen Gipser Fischinger, Faist, Ginter und Grüner. Auch die Glaserarbeiten blieben am Ort bei Haas, Armbruster, Nagel, Reiter, Keck und Fehrer. Die Schreinerarbeiten waren eine Gemeinschaftsarbeit der Schramberger Handwerksbetriebe Ganter, Reuter, Roming, Ragg, Fuß und Keck. In der Anlage der Elektrizitätsversorgung teilten sich die Firmen Mossmann und Pfeffer. Die Beleuchtungskörper lieferte die Firma „Stotz und Schlee“ aus Stuttgart.

Grundsteinlegung
Am 25. Juli fand bei strömendem Regen die feierliche Grundsteinlegung statt. Nach dem Musikstück: „Der Himmel rühmen“ der Stadtmusik, unter ihrem Dirigenten E. Jakubaschk, ging Stadtschultheiß Paradeis nochmals auf die „Schwere Geburt“ dieses Bauvorhabens ein. Er stellte fest, dass trotz Inanspruchnahme der früheren Wohnung des jeweiligen Stadtvorstandes als Büroräume, dieses Rathaus nur noch höchst notdürftig und äußerst mangelhaft, dem infolge der raschen Ausdehnung der Stadt (inzwischen 10 000 Einwohner) allmählich vermehrten Beamtenpersonal und der häufigen Benutzung durch staatliche Behörden, genüge. Aber nicht nur der Mangel im Innern habe zum Beschluss, ein neues Rathaus zu bauen, geführt. Auch das Äußere jenes Gebäudes entspreche nicht mehr der heutigen Stellung der Uhrenstadt in der Reihe der namhaften Industriestädte des Landes Württemberg. Der Wunsch nach einem neuen Rathaus sei daher in der Tat keine übertriebene Forderung der Bürger. Paradeis ging in seiner Ansprache nochmals auf das schwierige Problem der Standortfestlegung ein. Auch Gemeinderat Fr. Würz, Stadtbaumeister Schwarz und Baumeister L. Storz würdigten in ihren Ansprachen den weisen Beschluss der Bürgerlichen Kollegien, das neue Rathaus jetzt und hier an diesem Platz zu bauen.

In den Grundstein wurden unter anderem folgende Gegenstände eingelegt:

  • Plan der Stadt Schramberg 1 : 2 500
  • Mehrere Lagepläne der einzelnen Stadtteile
  • Foto des alten Rathauses
  • Bild des Arrestgebäudes
  • Übersicht über die Raumverteilung im neuen Rathaus
  • Bilder alter Gebäude der Stadt
  • Eine lange Abhandlung über die Geschichte der Stadt
  • Verzeichnis der Mitglieder der Bürgerlichen Kollegien und Gemeindebeamten vom Stand 25.7.1912.

Von der Firma Buchholz wurde eine Urne in Kupfer gefertigt, in welche diese Unterlagen eingelegt wurden.
Eine längere Debatte löste der Vorschlag von Architekt Woltz als künstlerischem Beirat aus, am Vorbau des Hauses eine Astronomische Uhr zu installieren. Dies wurde vom Gemeinderat zunächst aus Kostengründen abgelehnt. Gemeinderat Schaub wollte ein Relief, die Industrie der Stadt darstellend, anbringen. Doch die preisgekrönten Architekten Bihl und Woltz ließen nicht nach und überzeugten schließlich die Gemeinderäte von ihrem Vorschlag. Das Astronomische Zifferblatt wurde um 1 550 Mark bei der Firma Hörz in Ulm erworben.

Mit großem Interesse verfolgten die Bürger den raschen Baufortschritt und bewunderten die immer mehr erkennbare Formenschönheit der Außenfassade, mit den gelblich geäderten Hausteinen, die in den beiden unteren Stockwerken durch Pilaster gegliedert waren, und dem ganzen Bauwerk einen vornehm monumentalen Charakter verliehen.

Spenden
Voller Begeisterung für das wohlgelungene Werk inmitten der Stadt gingen auch zahlreiche Spenden einzelner Firmen und Einzelpersonen ein, unter anderem von

  • Frau Prof. Kräutle aus Stuttgart, (8 Kupferstiche ihres verstorbenen Mannes)
  • Firma Moser, die Mobiliarausstattung des Trauzimmers
  • Paul Landenberger, ein Bismarckbild
  • Firma HAU, sämtliche Uhren
  • Firma Hermann Schweizer, eine elektrische Uhr für die Vorhalle im 1. Stock
  • Firma R. Moosmann, eine solche für den 2. Stock
  • Firma Fritz Würz, ein Bild des Königspaares
  • Dekan Gageur, ein Christusbild in Bronze
  • Schramberger Majolikafabrik, mehrere Vasen.

Am Sonntag, den 23. November 1913 war es dann soweit, die feierliche Einweihung des neuen Rathauses in Schramberg fand statt. Es war ein prächtiger Spätherbsttag. Böllerschüsse und Flaggenschmuck machten auf das große Ereignis aufmerksam. Nach dem Besuch der Festgottesdienste in der katholischen und evangelischen Stadtkirche versammelten sich die geladenen Gäste, unter ihnen zahlreiche Ehrengäste, u. a. Regierungspräsident von Hoffmann, von der königlichen Kreisregierung des Schwarzwaldkreises in Reutlingen, Oberamtmann Hailer von Oberndorf, Präsident Josef Andre aus Stuttgart, Baurat Woltz, Stuttgart, die Schultheißen und Bürgermeister der umliegenden Gemeinden, im Sitzungssaal des alten Rathauses, wo sie von Stadtschultheiß Paradeis begrüßt wurden. Dieser erinnerte in seiner kurzen Ansprache daran, wieviel wohlerwogene Beschlüsse in den vergangenen 78 Jahren hier verabschiedet worden seien. Nun aber sei die Raumnot unerträglich, ein Neubau schon seit Jahren dringend erforderlich gewesen.

In feierlichem Zug, voran die Stadtmusik, bewegte sich anschließend eine große Menschenmenge, sämtliche Vereine mit ihren Fahnen, Ehrengäste, die Bürgerlichen Kollegien, vom alten zum neuen Rathaus, wo auf einer davor errichteten Tribüne die Schlüsselübergabe durch Stadtbaumeister Schwarz an Stadtschultheiß Paradeis erfolgte. Stadtbaumeister Schwarz bezeichnete in seiner kurzen Ansprache das neue Rathaus als ein Wahrzeichen der rastlosen Entwicklung der Gemeinde, wie auch der seinerzeitigen Baukunst. Auch Stadtschultheiß Paradeis ging in seiner Festrede nochmals auf die rasche Entwicklung der Stadt in den verflossenen Jahrzehnten (1835 beim Bau des alten Rathauses, noch 2 500 Einwohner, heute 12 000 Einwohner) und die dadurch verursachte Raumnot im alten Rathaus ein. Man habe als Einweihungstag bewusst einen Sonntag gewählt, um allen Bürgern die Teilnahme zu ermöglichen. Es sollte ein Volksfest in des Wortes edelster Bedeutung sein. Aus dem früher bettelarmen, unbekannten Schwarzwaldort Schramberg sei Dank der Tüchtigkeit hervorragender Männer und dem unermüdlichen Schaffen seiner Bewohner eine weltbekannte Uhrenstadt geworden. Dieses neue Rathaus sei ein Wahrzeichen des kraftvollen Aufblühens und wirtschaftlichen Aufschwungs der Stadt. Mit dem Wunsch, es mögen alle Einwohner Schrambergs im Geiste des Ausgleichs, der Eintracht und Versöhnung für das Glück und Gedeihen ihrer Heimatstadt tatkräftig eintreten und die Bürgerlichen Kollegien mit Festigkeit, Geradheit und Unabhängigkeit zusammenarbeiten, schloss Stadtschultheiß Paradeis seine begeisternde Ansprache.

Anschließend daran lud der Stadtvorstand seine Gäste zur Besichtigung des Hauses ein. Alles war angenehm überrascht von dem in allen Teilen vortrefflich gelungenen Bauwerk, sowie auch seiner modernen, praktischen Einrichtungen.

Am Festmahl, das anschließend im Hotel „Post“ stattfand, beteiligten sich 180 Herren, so dass für die aufspielende Stadtmusik ein eigener Raum freigemacht werden musste. Hotelier Forster befriedigte die erlauchte Festversammlung mit Bestem aus Küche und Keller. In zahlreichen Reden und Toasten wurde nochmals das wohlgelungene Werk und seine Schöpfer gepriesen. Regierungspräsident von Hoffmann stellte fest, dieses heute geweihte Haus werde den späteren Geschlechtern Zeugnis ablegen von dem Bürgersinn und Bürgerstolz ihrer Vorfahren von der Kunst und Tüchtigkeit ihrer Erbauer. Es sollte dieses neue Rathaus eine Heimstätte des Bürgersinns und der vaterländischen Gesinnung werden. Auch Oberamtmann Hailer fand Worte höchster Anerkennung für den Neubau, aber auch für deren Erbauer. Schramberg sei zum Vorbild für alle Gemeinden des Oberamtsbezirkes Oberndorf geworden. Geheimrat Arthur Junghans versicherte in seiner Ansprache, dass seine Firma die Bestrebungen der städtischen Verwaltung seit eh und je und auch weiterhin von Herzen gern unterstützt habe und unterstützen werde. Kommerzienrat E. Junghans meinte, an diesem Tage sollten alle Meinungsverschiedenheiten während der Bauzeit vergessen sein, es sollte dies ein Tag uneingeschränkter Freude für alle Bürger der Stadt sein. Er erinnerte daran, dass er es gewesen war, der schon 1888, als Reparaturen am alten Rathaus anstanden, darauf hingewiesen habe, nicht mehr am alten Haus zu flicken, sondern alle Mittel für ein neues anzusparen. Er schloss mit dem Wunsch, es möge das neue Rathaus fest stehen in der jetzigen und in recht vielen späteren Generationen als starker Pfeiler der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Bürgersinns. Als Obmann des Bürgerauschusses pries Fritz Würz in wohlerwogenen Worten das neue Werk als Sinnbild emporstrebenden Bürgergeistes. Edel in Form und Stil, füge sich der schöne Bau, in Eintracht mit den benachbarten Geschäftshäusern, dem Stadtbild als ein neues, nicht zu übersehendes Wahrzeichen Schrambergs ein.
Der festliche Tag fand seinen Abschluss mit einer großartigen Burgbeleuchtung, deren Raketen und Feuergarben weithin ins Land vom festlichen Geschehen in der Fünftälerstadt kündeten.

Einweihung des Rathausbrunnens
Zwei Monate später, am Sonntag, den 25. Januar 1914, fand die feierliche Einweihung des Rathausbrunnens statt. Stadtschultheiß Paradeis bezeichnete in seiner Festrede den mit diesem Brunnen zu ehrenden Gründer der Uhrenfabrik „Gebrüder Junghans“, Herrn Erhard Junghans d. Ä. einen Vater der Gemeinde, dessen Sorge und Weitblick die Fähigkeit der Erstellung des neuen Rathauses zugeschrieben werden müsse. Es sei eine selbstverständliche Dankespflicht ihn der jetzigen Generation ins Gedächtnis zurückzurufen und den großen Toten der Gegenwart wieder lebendig vor Augen zu stellen. Die Errichtung eines Rathausbrunnens sei den Bürgerlichen Kollegien eine willkommene Gelegenheit, um ihrem Bedürfnis der Dankbarkeit gegen den Wohltäter der Stadt einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen. Das Brunnendenkmal wurde nach einem Entwurf der Architekten Bihl und Woltz von Bildhauer Schaub in gelbem Muschelkalk ausgeführt. Das Porträt des Erhard Junghans in Bronze wurde modelliert von Bildhauer Hauser, Stuttgart, und gegossen von der Hof-Erzgießerei Pelargus.

Anschließend an die Feierlichkeiten vor dem Rathausbrunnen lud der Geheime Kommerzienrat Arthur Junghans den Stadtschultheiß und die Mitglieder der Bürgerlichen Kollegien zu sich in sein Haus „Gut Berneck“ an der Weihergasse ein, um sich dabei dankbar zu erweisen für die Ehrung, die man seinem Vater mit diesem Rathausbrunnen hatte angedeihen lassen. Der mitanwesende Kommerzienrat E. Junghans nahm diese Gelegenheit wahr, den Versammelten bekannt zu geben, dass er aus Anlass der Ehrung seines Vaters, den von ihm vor Jahren gegründeten Fond von 20 000 Mark zur Erholung rekonvaliszenter Arbeiter auf 40 000 Mark erhöhen werde.

Das alte Rathaus aber wurde auch die folgenden Jahre noch dringend benötigt. Es waren dort das Notariat und Grundbuchamt, die Arbeitsamtnebenstelle, eine Gerichtsvollzieherstelle, die Sanitätskolonne, das Zollamt und der Amtsdiener Maier untergebracht. Im Jahre 1925 trat Josef Holzherr an die Stadt heran mit der Bitte, ihm zur Erweiterung seines Bekleidungshauses das alte Rathaus zu verkaufen. Der Gemeinderat hatte für diesen Wusch durchaus Verständnis, doch nach seiner Meinung musste dann der Kaufpreis so hoch sein, dass die Stadt damit wieder ein Bürohaus bauen könne, in dem all die Ämter, die jetzt im alten Rathaus waren, darin unterkämen. Im Gespräch war eine Summe von 80 000 Mark, bei Barzahlung 70 000 Mark. Der Gemeinderat hatte aber zunächst kein Interesse an einem Verkauf bis geklärt wäre, was aus dem Schlößle werden würde. Notfalls konnte dieses als Bürohaus verwendet werden. Holzherr bot zunächst 35 000 Mark, später 50 000 Mark, doch dies war dem Gemeinderat immer noch zu wenig. Auch als Holzherr auf 60 000 Mark erhöhte, wollte der Gemeinderat noch nicht verkaufen. Am 30. Mai 1928 meldete sich erstmals die Oberamtssparkasse Oberndorf als Interessent an diesem Haus. Die Nebenstelle der Oberamtssparkasse war bislang im Grüner’schen Haus an der Oberndorfer Straße (heute Bäckerei Brantner). Dort war eine dringend gewordene Erweiterung sehr schwierig. Doch auch mit der Oberamtssparkasse kam es zunächst zu keiner Einigung.

Am 10. Juli 1928 genehmigte der Gemeinderat den Einbau einer Jugendherberge im alten Rathaus und ein Jahr später, 1929, wurde eine Nebenstelle des Arbeitsamtes eingerichtet.

Als 1930 sowohl das Zollamt, als auch das Arbeitsamt wieder herausgingen, wurde der Ruf nach einem Oberamtssparkassennebengebäude wieder laut. Der Gemeinderat beschloss 1931 das alte Rathaus zu diesem Zwecke um 60 000 Mark anzubieten. Noch im selben Jahr wurde die Kaufsumme auf 50 000 Mark erniedrigt, doch da meldete der Württembergische Giroverband Bedenken gegen eine solchen Kauf an. Im Jahre 1933 ging die Stadt noch weiter herunter, so dass es schließlich von der Oberamtssparkasse erworben werden konnte und diese dann an jener Stelle eine Nebenstelle der Oberamtssparkasse Oberndorf erstellen konnte.


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