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Stadtnachrichten 2017

„Man hat von seiner Heimat her ein Maß“


Ursula Grimm zum Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung
 
In der „Little Glocal City“ Schramberg leben heutzutage Flüchtlinge und Vertriebene aus der ganzen Welt. Die 96 Jahre alte Ursula Grimm ist am Ende des Zweiten Weltkrieges aus Danzig geflohen. Zum heutigen „Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung“ und internationalen „Weltflüchtlingstag“ wurde sie vom Stadtarchiv Schramberg zum Thema „Heimat“ befragt.
 
Ihr hohes Alter ist Ursula Grimm fast nicht anzumerken. Sie wird in bemerkenswerter geistiger und körperlicher Frische sogar geradezu jugendlich. Von ihrem Haus auf dem Bühle bietet sich eine großartige Aussicht auf das Bernecktal mit der Burgruine Falkenstein und der Falkensteiner Kapelle. Und trotz der Freude über das alltägliche Erleben dieser herrlichen Landschaft trägt Ursula Grimm wie viele andere Flüchtlinge und Vertriebenen in ihrem Herzen die die unvergesslichen Bilder ihrer früheren Heimat im früheren deutschen Osten. Die ehemalige Danzigerin trägt deshalb auch sehr bewusst eine Kette mit einem Bernstein, der an der Ostseeküste gefunden werden kann. Schon zum Abschied aus Danzig hatte sie von ihrer Mutter bei der Flucht im Frühjahr 1945 eine Bernsteinkette bekommen, die ihre Mutter von ihrem Vater erhalten hatte.
 
„Immer, immer“, antwortet Ursula Grimm auf die Frage, ob sie noch an ihre frühere Heimatstadt denkt, die heute Gdańsk heißt und in Polen liegt. „Meine Heimat ist immer in mir. Ich träume von meiner Heimat, meiner Jugendzeit und von allem. Das ist so lebendig, dass das für mich im Schlaf Wirklichkeit wird. Das war schon immer so.“ 1952 verheiratete sich die junge Lehrerin mit dem Kaufmann Walter Grimm (1919-2001) aus Schramberg und lebt seitdem mit ihrer Familie im Schwarzwald.
 
„Es kann sein, dass manche Leute mehrere Heimaten haben. Ich unterscheide zwischen Heimat und zwischen Zuhause. Man hat von seiner Heimat her ein Maß. Und man wendet das immer wieder an. Und das tue ich heute noch“, sagt Ursula Grimm über ihr Verständnis des Begriffes „Heimat“. Bis heute vergleicht sie die Pflanzen, Tiere und auch Entfernungen in ihrem „Zuhause“ in Schramberg mit den Pflanzen, Tieren und Entfernungen in ihrer „Heimat“ Danzig. Schramberg wuchs ihr im Lauf des Lebens zwar ebenfalls ans Herz: „Ich liebe Schramberg, so wie ich meine Heimat liebe, wegen der liebenswürdigen Menschen hier, wegen der schönen Natur und meine Kinder sind hier geboren“, bekennt Ursula Grimm. Aus ihrer ganzen Seele sagt sie aber auch mit einem wehmütigen Ton in der Stimme: „Heimat bleibt Danzig - immer.“
 
Im Haus von Ursula Grimm in Schramberg findet sich einiges, was aus Danzig die Zeiten überdauert hat. Dem Gast wird selbstverständlich der berühmte Kräuterlikör „Danziger Goldwasser“ (mit echten Goldblättchen) gereicht. An den Wänden halten Bilder die Erinnerung an die bedeutende Hansestadt an der Weichselmündung wach. Und sogar den Rucksack, mit dem sie im Frühjahr 1945 vom Osten in den Westen geflohen ist, gibt es noch. 2015 stellte sie dieses besondere Erinnerungsstück für die Ausstellung „Mein Kriegsende - Zeitzeugen berichten“ im Stadtmuseum Schramberg zur Verfügung.
 
Auf der Suche nach einer über Jahrzehnte Weihnachtskrippe aus dem Jahr 1945 bekam sie in den letzten Tagen eine weitere Erinnerung an ihre frühere Heimat in die Hand. Einige Briefmarken der „Freien Stadt Danzig“ und des „Deutschen Reiches“, die sie aus Briefen ihrer Familienkorrespondenz ausgeschnitten hatte, ließen die Vergangenheit wieder einmal lebendig werden. Die Briefmarken zeigen das Stadtwappen sowie einige Sehenswürdigkeiten und erinnern unter der Überschrift „Danzig ist deutsch“ auch an die Eingliederung der Stadt in das „Großdeutsche Reich“ am 1. September 1939, als dort der Zweite Weltkrieg begann. „Ich habe den ersten Schuss des Zweiten Weltkrieges gehört“, erzählt Ursula Grimm über diesen unvergesslichen Schicksalstag, als von dem deutschen Kriegsschiff „Schleswig Holstein“ die polnische „Westerplatte“ in Danzig beschossen wurde. „Warum musste das sein? Das tut mir weh, weil ich sage, es war vollkommen unnötig, uns zu vertreiben“, sagt Ursula Grimm über die Gedanken und Gefühle, die diese alten Briefmarken in ihr hervorriefen.
 
Seit vielen Jahrzehnten hält Ursula Grimm der indes altersbedingt immer kleiner werdenden Landsmannschaft ihrer Heimat und besonders der Gemeinschaft der katholischen Jugend aus Danzig die Treue, die ab 1947 von dem Pfarrer Franz Joseph Wothe (1910-1994) aufgebaut wurde und sich regelmäßig auf der Burg Gemen in Nordrhein-Westfalen traf. Neben dem „Schwarzwälder Boten“ liest sie bis heute auch das „Ostpreußenblatt“. Mitte der 1970er-Jahre reiste sie drei Jahrzehnte nach ihrer Flucht das erste Mal wieder in das nun polnisch gewordene Danzig. „Es war irgendwie ein Aufleuchten“, erzählt sie über diesen ersten Besuch in ihrer alten Heimat. „Ich habe das Gefühl gehabt: Hier kann ich frei atmen, hier bin ich zu Hause, hier gehöre ich hin.“ Es folgten weitere Reisen, bei denen auch ihre Kinder ihre Heimat kennen lernen konnten.
 
Ursula Grimm, die sich als „typische Danzigerin“ sieht, steht auch mit 96 Jahren nach wie vor mitten im Leben. Sie interessiert sich lebhaft für das Weltgeschehen wie die Kommunalpolitik - und hat in den letzten Tagen von ihrem Sohn Johannes Grimm ein Tablet erhalten, mit dem für die rüstige Frau nun auch der Sprung ins Internetzeitalter begonnen hat. Der alte Wahlspruch ihrer Heimatstadt Danzig „Nec timere, nec timide“ ist bis heute über die schwierige Erfahrung der Flucht hinweg das Lebensmotto dieser beeindruckenden Jahrhundertzeugin geblieben: „Weder unbesonnen, noch furchtsam.“
 
Carsten Kohlmann M.A. (Stadtarchiv Schramberg)
 
Grimm
Ursula Grimm mit einer Radierung der Stadt Danzig, die ihr Vater von einem Kollegen geschenkt bekommen hatte
 
Grimm
Briefmarken der Freien Stadt Danzig und des Deutschen Reiches aus den 1930er- und 1940er-Jahren
 
Fotos: Stadtarchiv Schramberg

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