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Stadtnachrichten 2014

Vor 50 Jahren wurde Moritz Meyer zum Ehrenbürger der Stadt Schramberg ernannt


Die "Schramberger Majolika-Fabrik" war sein Lebenswerk

Vor 50 Jahren lagen in der Fünftälerstadt Schramberg im Schwarzwald der Abschied von einem verstorbenen Ehrenbürger und die Ernennung eines neuen Ehrenbürgers nur wenige Tage auseinander. Kurz nach dem Tod von Helmut Junghans wurde am 23. November 1964 der Unternehmer Moritz Meyer zum dreizehnten Ehrenbürger ernannt.

Der Gemeinderat würdigte mit dieser höchsten Ehrung der Stadt Schramberg einen Unternehmer und Mitbürger, der sich durch seine außergewöhnliche Lebensleistung und herausragende Persönlichkeit um seine Heimatstadt Schramberg beispielhaft verdient gemacht hatte. In der Feierstunde im Rathaus der Stadt Schramberg überreichte Bürgermeister Dr. Konstantin Hank (1907-1977) dem Jubilar die Ehrenbürgerurkunde mit folgendem Inhalt: „Die Stadt Schramberg verleiht Herrn Fabrikant Moritz Meyer in Anerkennung seiner großen Verdienste um die Erhaltung und Entwicklung der Schramberger Majolika-Fabrik, deren Erzeugnisse auf den Märkten in allen Erdteilen Absatz finden, ferner in Würdigung seiner aufgeschlossenen Unterstützung kommunaler und kultureller Zielsetzungen sowie seiner großmütigen und sozialen Einstellung das Ehrenbürgerrecht.“

Die vor 50 Jahren erfolgte Ernennung von Moritz Meyer zum Ehrenbürger der Stadt Schramberg war eine große Besonderheit, da der Unternehmer zu den wenigen deutschen Bürgern jüdischen Glaubens gehörte, die trotz ihrer Entrechtung, Ausraubung und der Ermordung vieler Familienangehöriger in der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Exil wieder nach Deutschland zurückkehrten und sich am politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbau ihres Heimatlandes beteiligten.

Meyer („Moritz“) Meyer wurde am 23. November 1889 in Groß-Steinheim bei Hanau in Hessen geboren, wo seit dem 17. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde bestand, zu der seit mehreren Generationen auch seine Familie gehörte. Sein Onkel Louis Meyer-Gerngross (1861-1932) führte in Mannheim eine bedeutende Glas-, Porzellan- und Steingutgroßhandlung und wurde 1911 zum Ehrenbürger von Groß-Steinheim ernannt. Im gleichen Jahr wurde sein Neffe Moritz Meyer auf die in dieser Zeit stillgelegte und an die Württembergischen Staatseisenbahnen verkaufte Steingut- und Porzellanfabrik von Villeroy & Boch in Schramberg aufmerksam.

Zum 1. Februar 1912 wurde die Eröffnung der neuen „Schramberger Majolika-Fabrik GmbH“ für „Keramische Kunst-Malereien“ der Öffentlichkeit bekannt gegeben. Der erste Geschäftsführer war sein Bruder Leopold („Louis“) Meyer (1879-1957), der zweite Geschäftsführer der Keramiker Johannes Bartel, der viele Jahre die Malerwerkstatt leitete, die Schutzrechte für das beliebte Dekor „Rembrandt“ besaß und sich sehr für die Fortführung des Unternehmens einsetzte, das mit seinem Gründungsjahr 1820 einer der ersten Industriebetriebe des Königreichs Württemberg war. Moritz Meyer, der damals als junger Kaufmann aus Mainz nach Schramberg kam, wurde zum Prokuristen bestellt.

1920 wurden die Firmengebäude von der Stadt Schramberg gekauft und für 25 Jahre an die Gebrüder Meyer verpachtet. Bereits 1923 konnten die beiden Unternehmer die Firma jedoch von der Stadt Schramberg kaufen. 1921 verheiratete sich Moritz Meyer mit Julie Dittmann (1897-1961) aus Bayreuth. 1922 wurde dem Ehepaar der Sohn Hans Peter Melvin (1922-1980) geschenkt.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Familie ab 1937 immer stärker unter Druck gesetzt, ihr Unternehmen zu verkaufen und Deutschland zu verlassen. Gemeinsam mit vielen anderen Tausend deutschen Bürgern jüdischen Glaubens wurden auch Moritz und Leopold Meyer nach den unter dem Namen „Reichskristallnacht“ bekannten Pogrome vom 9./10. November 1938 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Am 23. Dezember 1938 mussten sie ihr Unternehmen an den NSDAP-Gauamtsleiter Alfons Zeller (1903-1948) aus Stuttgart weiter unter seinem Wert verkaufen und durch Flucht aus Deutschland ihr Leben retten.

Nach einem Urteil der Restitutionskammer des Landgerichtes Rottweil vom 15. Oktober 1948 kehrte Moritz Meyer nach zehnjährigem Exil in Großbritannien nach Deutschland zurück und baute zusammen mit seinem Sohn die „Schramberger Majolika-Fabrik“ wieder von neuem auf. Die Entwicklung seiner Heimatstadt - namentlich ihre Sozialeinrichtungen und Städtepartnerschaften - förderte er durch mehrfach durch sehr großzügige Spenden. Seine unternehmerische Lebensleistung, aber insbesondere seine beeindruckende Persönlichkeit, wurde von der Stadt Schramberg zu seinem 70., 75. und 80. Geburtstag in großer Dankbarkeit gewürdigt.

Die von ihm 1965 für das Krankenhaus gestiftete Freiplastik „Kinder der Erde“ von Ernst Yelin (1900-1991), die mittlerweile vor dem Gymnasium einen neuen Platz erhalten hat, erinnert auf besondere Art und Weise an den Ehrenbürger, da sie für seine Liebe zu den Menschen und für seinen Wunsch nach Frieden steht. Am 10. Oktober 1970 starb Moritz Meyer im Alter von 80 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Freiburg im Breisgau an der Seite seiner ihm vorausgegangenen Ehefrau beigesetzt. Die Worte auf seinem Grabstein sind auch aus der Sicht der Stadt Schramberg und ihrer Bürgerschaft bis heute gültig geblieben: „Geliebt - Verehrt - Unvergessen.“

Carsten Kohlmann (Stadtarchiv Schramberg)

Moritz Meyer und der damalige Bürgermeister Dr. Konstantin Hank
Ernennung von Moritz Meyer (links) zum Ehrenbürger der Stadt Schramberg durch Bürgermeister Dr. Konstantin Hank (rechts) am 23. November 1964.

Foto: Franz Kasenbacher (Foto Kasenbacher GmbH)

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