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„Ich bin als deutscher Soldat gestorben“


„Ich bin als deutscher Soldat gestorben“ - Zum Gedenken an den 100. Todestag von Paul Schweizer aus Schramberg
 
Auf dem Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Schramberg ist auch der Name von Paul Schweizer zu lesen, der im Alter von erst 18 Jahren am 13. Juli 1917 in Frankreich gefallen ist. Zu seinem 100. Todestag am 13. Juli 2017 ruft das Stadtarchiv Schramberg sein Schicksal mit einem Lebensbild in Erinnerung.
 
Im Nachlass von Joachim Schweizer (1930-2015), dessen Familie von 1889 bis 1987 zunächst in der Hauptstraße 54 und später in der Hauptstraße 34 das erste Eisenwarengeschäft (zeitweise auch mit Kohlenhandlung) in Schramberg führte, fanden sich mehrere Zeugnisse aus dem Leben von Paul Schweizer (1898-1917), dessen Schicksal im Ersten Weltkrieg den Erben bis dahin unbekannt war.
 
Auf der großen Bühne des alten Geschäftshauses hatte ein fast völlig verstaubtes Gedenkbild die Zeit überdauert, auf dem ein junger Soldat mit Pickelhaube in einem schweren Militärmantel und geschultertem Gewehr am Grab eines Kameraden  zu sehen ist. In einem Album mit dem Titel „Feldpostsammlung aus der großen Zeit des Weltkrieges 1914/17“ und einem darüber eingeprägten „Eisernen Kreuz“ waren außerdem alle Briefe und Postkarten von Paul Schweizer und seiner ebenfalls zum Kriegsdienst eingezogenen Brüder gesammelt. Auch über ein Jahrhundert später wird der heutige Leser von den Zeugnissen eines solchen Schicksals immer noch tief berührt. Man erfährt von Brief zu Brief und von Postkarte zu Postkarte mehr über einen fremden Menschen aus einer völlig anderen Zeit - am Ende hat man sogar mitunter das Gefühl, ihn persönlich gekannt zu haben.
Paul Schweizer wurde am 19. November 1898 als fünftes von insgesamt zehn Kindern des Geschäftsmannes Albert Schweizer junior (1865-1936) und seiner Ehefrau Lina Schweizer (1867-1929) in Schramberg geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in Schramberg begann er im Hotel „Deutscher Hof“ in München eine Berufsausbildung zum Koch. Im Alter von 18 Jahren wurde er deshalb am 1. Dezember 1916 auch in Bayern zum Kriegsdienst eingezogen und im Gebirgs-Infanterie-Ersatz-Bataillon ausgebildet. Vom 1. bis 14. Mai 1917 wurde ihm ein letzter Heimaturlaub bei seiner Familie in Schramberg genehmigt. Bald darauf wurde er am 26. Juni 1917 zum Königlich-Bayerischen 20. Infanterie-Regiment versetzt und mit dieser Einheit an die Front nach Frankreich geschickt.
 
Am 29. Juni 1917 schrieb er seinen Eltern in Schramberg, dass er nach zweieinhalbtägiger Fahrt und sechsstündigem Marsch in den Argonnen angekommen sei, einem etwa 110 Kilometer langen und zwischen 30 und 35 Kilometer breiten Streifen zwischen der Champagne und Lothringen, der im Ersten Weltkrieg zwischen Deutschen und Franzosen schwer umkämpft war. Es gehe ihm, so beruhigte er seine Eltern, auch an der Front gut, wie schon zuvor klagte er aber über ständigen Hunger und bat um Zusendung von Lebensmitteln, die ihm seine Familie auch regelmäßig mit der Feldpost zusandte.
 
In der Regimentsgeschichte aus dem Jahr 1929 wird das Schlachtfeld im „Argonner Wald“, auf dem der junge Schramberger vor 100 Jahren sterben musste, so beschrieben: „Düsterer, finsterer Wald, verstrüppt und verfilzt, tiefe Schluchten mit  feuchten, kalten Unterständen. Lange Stollen, deren Spitzbogen sich im Fels oft selber trugen. Tiefe Gänge mit dumpfen Felsenkammern, ausmündend in Stellungen, die - ausgemauert wie Laufgänge einer Festung - seltsam verlassen anmuteteten, unheimlich Munierstollen neben Minierstollen […] Riesige Sprengtrichter da und dort, wie von erloschenen Vulkanen.“
 
Am 12. Juli 1917 erwartete Paul Schweizer zunächst, sich in einer Ruhestellung etwas erholen zu können, verfasste im „Unterstand“ aber am gleichen Tag auch einen erschütternden Abschiedsbrief, da er vor einem nächtlichen Einsatz mit einem Stoßtrupp eine Todesahnung in sich hatte: „Erschreckt nicht, wann Ihr diesen Brief erhalten habt. Ich bin als deutscher Soldat gestorben. Den Rosenkranz nehme ich mit. Ich habe ihn stets bei mir. Liebe Eltern, ich danke Euch vielmals für das, was Ihr mir geschenkt habt. Nun, liebe Eltern, lebt wohl u[nd] wir sehen uns im Jenseits. Nun grüßt mir alle Verwandten von mir.“
 
Bei dem Stroßtruppeinsatz wurde Paul Schweizer in den frühen Morgenstunden des 13. Juli 1917 durch ein Artilleriegeschoss am Arm und einen Gewehrschuss im Kopf tödlich verletzt. Sein Kamerad Alois Hofmeister schrieb seinen Eltern am 21. September 1917 einen ausführlichen Bericht über seine Todesnacht.
 
Paul Schweizer wurde am 15. Juli 1917 auf dem Soldatenfriedhof Borrieswalde in den Argonnen beigesetzt. Am 23. Juli 1917 gab seine Familie in „tiefem Schmerz“ in Schramberg seinen „Heldentod fürs Vaterland“ bekannt und nahm am 27. Juli 1917 mit einem Trauergottesdienst in der Sankt-Maria-Kirche von ihm Abschied. Im Sommer werden die beiden Schüler Sarah Glocker und Robin Wußler vom Gymnasium Schramberg sein bewegendes Schicksal noch genauer erforschen, das im nächsten Jahr in einer Ausstellung zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges im Stadtmuseum Schramberg ausführlich erzählt werden soll.
 
Carsten Kohlmann M.A. (Stadtarchiv Schramberg)
 
Paul Schweizer
Paul Schweizer auf der Tafel mit den Namen der Gefallenen aus dem Jahr 1917 auf dem Friedhof der Stadt Schramberg

Paul Schweizer
Abschiedsbrief von Paul Schweizer an seine Eltern Albert und Lina Schweizer in Schramberg vom 12. Juli 1917

Paul Schweizer
Letzter Brief von Albert Schweizer an seinen Sohn Paul Schweizer an die Front, der als nicht mehr zustellbar wieder zurückgeschickt wurde

Paul Schweizer
Todesanzeige der Familie von Albert Schweizer für den Sohn Paul Schweizer im Schwarzwälder Tagblatt vom 24. Juli 1917

Paul Schweizer
Gedenkbild zur Erinnerung an Paul Schweizer aus seinem Elternhaus in Schramberg
 
Fotos: Stadtarchiv Schramberg

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